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Wo ist Gott?

Christus ist das Bild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene der ganzen Schöpfung! Kol 1,15

 

70 Menschen im Alter von 5 bis 75 Jahren beantworten eine Frage. Diese Video-Reihe ist mir schon öfter über den Weg gelaufen. Ich finde die Clips unglaublich spannend. „Welche waren deine Lieblingslieder, als du aufgewachsen bist?“ „Welche neue Technologie ist am wichtigsten?“, „Welche Rat hast du für jemanden, der jünger ist als du?“– das sind nur einige Fragen, die bereits gestellt wurden.

 

Und ich wäre neugierig, wie folgende Frage von diesen 70 Menschen beantwortet werden würde: „Wo ist Gott?“ „Na, im Himmel!“ oder „Überall“. Vielleicht auch: „Damals, als ich im Krankenhaus lag, da habe ich gespürt, er ist mir nah.“  Oder auch: „Ich dachte, er wäre da. Aber dann war Corona. Und ich habe nichts mehr verstanden. Da wurde Gott auf einmal unsichtbar.“

 

Auch die letzte Antwort gehört zu den Erfahrungen des Glaubens – gerade jetzt. Gott lässt Leid zu, eine Krankheit, eine Pandemie. Kann man da noch von einem liebenden Gott sprechen? Die biblischen Texte und unser menschliches Erleben sind sich darin einig: Es gibt auch dunkle, unsichtbare, sperrige Seiten Gottes. Einen glattgebügelten Gott gibt es nicht. Diese Einsicht ist nicht leicht. Damit darf es aber auch ungelöste Fragen geben, Enttäuschung und Glaubensschmerz.

 

Selbst Jesus erlebte das Schweigen Gottes und stimmte ein in die biblische Klage: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Mt 27, 46, nach Psalm 22,2). Mit seinem Tod kamen drei Tage der Leere und der Verzweiflung. Und dann kam die Auferstehung.

Das Verhältnis der Kar- und Ostertage macht mir Mut. Es hilft mir auszuhalten, dass das Leben vielstimmig ist: Es gibt dunkle Zeiten, offene Fragen, tiefes Leid. Es gibt aber auch ein Ende dessen, getrocknete Tränen, einen Neuanfang. Und es gibt etwas dazwischen. Und nichts davon ist ohne Gott. Im Wirken Jesu, aber auch in seinem Schicksal ist etwas davon zu erkennen, wie dieser unsichtbare Gott ist.  

 

„Wo ist Gott?“ Würde ich gefragt, ich würde heute sagen: „Dort, wo ich ihm meine ungelösten Fragen klage.“ Wie wäre Ihre Antwort - heute?

 

Studierendenpfarrerin Karin Großmann

 

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