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Zwiegespräch mit dem Propheten Amos

Fresko des Propheten Amos in Faliraki, Rhodos
Byzantinisches Fresko im Kloster des Propheten Amos, Faliraki (Rhodos)

Am südlichen Stadtrand von Faliraki auf Rhodos liegt eine zauberhafte Landschaft mit malerischen Buchten und üppigem Grün, welche ich an einem Nachmittag erkundete. Ich war schon auf dem Weg zurück ins Hotel, als ich dann am Wegrand ein kleines Holzschild sah: προς αμος.

Neugier packte mich, ich wollte wissen, was das war! Ein schmaler Pfad verschwand im Gebüsch, ich ging ihm nach. Tiefer und immer tiefer stieg ich große Stufen hinab, rutschte über Geröll, zerstach meine Waden im Gebüsch der Macchia.

Der Pfad endete an einem Kloster. Es war eine größere Anlage, doch kein Mensch war weit und breit zu sehen. Pfauen wanderten umher und nur die kleine Kirche stand offen. Ich trat ein.

 

Ein paar Besucher musste es heute schon gegeben haben, denn gerade verglommen zwei Lichter im Sand des Kerzenständers. Die Kirche selbst lag im Dunkel, rußgeschwärzt von den Jahren. Ich sprach ein stilles Gebet und wendete mich schon zum Gehen - da erschrak ich. Durch eine Seitentür fiel etwas Sonnenschein auf ein Fresko, ein alter Mann mit wissenden, gütigen Augen sah mich an: Der Prophet Amos.

 

Sein Blick hielt mich fest und ich versank in ein stummes Gespräch mit ihm:

 

Wer bist du, Amos, der du mir sagst:

dass es wegen dreier Verbrechen (welcher?) keine Schonung mehr gäbe,

dass mir alles genommen würde, eine Feuersbrunst alles verschlänge und alle Welt reif für das Ende wäre,

dass ich dem HERRN nicht entfliehen könnte - und bräche ich auch in die Totenwelt ein?

 

Du sprichst es gegen mich, aber du leidest unter den Worten. Ich sehe es.

 

Du mahntest auch an diesem Ort zur Umkehr - schon lange bevor er wurde, was er ist - lange bevor ich wurde, was ich bin.

 

Aber ich höre auch, Amos, dass du nicht nur vom Ende, sondern vor allem vom Neuen nach dem Ende kündest. Dein Blick geht weit über die Zeit hinaus.

 

Ich bitte dich, nimm mich mit.

 

Jan Holfert